Von Orten, Zeiten und Kreisen

13.03.'19 – J.F. 


Drei Musiker aus drei Ländern, Hamburg als Ort der sie verbindet. Sie ziehen in Zirkeln hinaus in die Welt, spielen Konzerte in fernen Ländern, um wie das Thema ihres Stücks Evighetsmaskinen immer wieder heimzukehren. Und um festzustellen, dass sich auch die Zeit in Zirkeln bewegt. Jakob Fraisse trifft Pianist Martin Tingvall, Kontrabassist Omar Rodriguez Calvo, und Schlagzeuger Jürgen Spiegel vor ihrem gefeierten Konzert in der Bremer Glocke. Es entsteht ein Gespräch über prägende Orte, zirkulierende Zeit und die Jahresringe eines Baums.

Fotos: Charlotte Kühn 

Einer dieser prägenden Orte ist für die drei Hamburg, Ausgangspunkt für viele Zirkelbewegungen und Lebensmittelpunkt. Und ein Grund dafür ist natürlich der Jazz in der Stadt.

Omar: Hamburg ist eine super tolle Jazzstadt. Es gibt viele Festivals. Es gibt viele gute Studenten in der Hochschule. Das Birdland ist ein muss. Oder der Stage Club, da haben wir schon ein schönes Video aufgenommen. Es gibt viel Bewegung.

Jakob: Kriegt ihr auch Entwicklungen in der Szene mit? So etwas wie das Jazzlab zum Beispiel?

Martin: Also ich bin nicht so der Konzertgänger. Und wenn, dann gehe ich eher zu Iron Maiden. 

Jürgen: Es wird viel geboten von den Clubs. Man redet ja immer vom Clubsterben, es gibt kein Geld, aber je schlechter es dem Künstlerbudget geht, desto mehr Musikclubs kommen.

An einem zweiten wichtigen und prägenden Ort befinden wir uns gerade. Jürgen hat hier in Bremen, keine Hundert Meter Luftlinie von der Glocke entfernt, in der Hochschule für Künste studiert.

Jakob: Bei dir Jürgen gibt es ja auch eine starke Verbindungen mit Bremen.

Jürgen: Ja na klar, hier sitzt ein waschechter Bremer dir gegenüber. Einmal Bremer, immer Bremer. Die Geburtsstadt spielt eine große Rolle in einem Leben. Ich bin hier zur Schule gegangen und habe hier meine Jugend verbracht. Ich hab hier viele Freunde. Und in der NDR BigBand gab es Lutz Büchner, Frank Delle, es gibt viele Bremer, die auch in der Szene in Hamburg aufploppen. Und in Bremen, da erinnere ich mich an früher, da gab es ja Ed Kröger, Ignaz Dinné, Uli Beckerhoff, Harry Schmadtke.

Wie Martin erklärt ist die Erinnerung und wie sie einen in eine andere Zeit katapultieren kann gemeinsam mit den zyklisch ablaufenden Aspekten Aspekten des Lebens ein wichtiges Thema auf der aktuellen CD.

Jakob: Was sind das für zyklisch ablaufende Aspekte im Leben, die euch beeinflussen?

Martin: In meinem Leben sind es vor allem die Kinder, weil so die eigene Kindheit hoch kommt. Und gleichzeitig merkt man aber auch, dass die Eltern älter werden und nicht mehr alles schaffen. Und das geht immer in Zirkeln, es ist immer in Bewegung. Und das ist ein Thema für uns alle. Es gab im Radio ein Interview mit einer Frau die gefragt wird: „Wie ist das, 80 zu werden?“ und sie vergleicht das menschliche Leben mit einem Baum. Wenn man den durchschneidet sieht man all die Ringe, all die Jahre zusammen. Und sie konnte zwischen den Jahren springen. Wenn sie mit ihren Enkelkindern gespielt hat war sie zum Beispiel wieder acht. Manchmal wird man auch zurück katapultiert. Vielleicht wird Jürgen das heute erleben, weil da ein paar Personen da sind, die er wirklich lange nicht mehr gesehen hat. Und dann ist Jürgen wieder 20 und in Bremen. Manchmal ist das wunderschön, manchmal ist das aber auch schwer. Das ist das Leben, Cirklar, in Kreisen.

Jakob: Gibt es auch Momente, in denen man die Zirkel durchbrechen will?

Martin: Ja klar, das gibt es ständig. Aber ich glaube vieles wird dir hingelegt. Man trifft eine Wahl, aber es ist immer in Bewegung. Und wenn man sich wagt, weiter zu gehen, dann bleibt es immer spannend.

Von Schwermut ist bei dem Konzert im Saal der prall gefüllten Glocke nichts zu spüren. Die drei wirken eher so, als ob sie sich wagen, weiter zu gehen. Und als ob sie durch die Musik wieder in ihre Kindheit katapultiert wurden. Das Konzert, welches von vier Kameras gefilmt wird, beginnt wie das aktuelle Album „Cirklar“ mit „Evighetsmaskinen“ - der Ewigkeitsmaschine. In keinem anderen Stück ist das zirkuläre Motiv offensichtlicher - es kommt und geht und verändert sich dabei stetig. Auch wenn man laut Martin „an guten Abenden der Setlist nicht folgt“, folgt als zweites wie auf der CD der Song „Bumerang“. Schon diese ersten beiden Songs zeigen, was die Band zu einer der erfolgreichsten Jazzbands Deutschlands macht: einprägsame Melodien, melodiöse Basslinien und ein Schlagzeug zwischen Rock, Pop und Jazz. So arbeiten sie sich durch Stücke von allen sechs Alben. Bei Vägen vom gleichnamigen Album aus dem Jahre 2011 applaudiert das Publikum schon bei der Ankündigung, die verschiedenen Soli werden frenetisch gefeiert, und am Ende des Konzerts steht der ganze Saal - auch noch nach der dritten Zugabe. Auch wenn das Trio schon einige Kreise gezogen hat - zwanzig, in Jahren gezählt - bleibt es einer der spannendsten und beliebtesten deutschen Jazzacts. Und das wird wohl, solange sie es sich wagen weiter zu gehen und sich auf der Bühne immer wieder in ihre Kindheit katapultieren lassen, auch noch lange so bleiben.