Chris Barfly und die kleinen Bühnen

14.07.'18 – J.F. 


Anfang Juni schließt mit dem Bistro Brazil eine der letzten Live-Locations für Jazz in Bremen. Chris Barfly veranstaltete hier zehn Jahre lang die Jazz-Nights. Er erzählt uns die Geschichte hinter der Veranstaltungsreihe. Und damit auch die Geschichte der von Gentrifizierung gebeutelten Live-Musik in Bremen. Und seine eigene.

Fotos: Charlotte Kühn 

Man kennt sie, die üblichen Lamenti über den Jazz. Es handle sich um verkopfte Spartenmusik, dessen Publikum wegstirbt. Und ja, es ist etwas dran. Improvisierte Musik ist kein Selbstläufer, sie muss sich großen Herausforderungen stellen. Leuchtturmprojekte wie das Elbjazz-Festival oder die jazzahead! stehen für Strategien wie Netzwerkarbeit, Audience-Development oder Kommerzialisierung. Aber um das Problem zu verstehen reicht es nicht, sich die Arbeit von großen Kultur-Institutionen anzugucken. Das Problem liegt bei den nicht vorhandenen Bühnen. In ihrem Bericht zur Situation des Jazz in Deutschland hat die Bundeskonferenz Jazz 2014 auf das Spielstätten-Sterben für Jazz aufmerksam gemacht. Auch die Studie JAZZ WE CAN aus dem Jahr 2016 beklagt, dass entgegen der großen Bedeutung von Veranstalter*innen von Konzerten auf kleinen und mittelgroßen Bühnen, diesen oft wenig Anerkennung entgegen gebracht wird. Um das Problem des Jazz zu verstehen muss man also mit den Veranstalter*innen reden. Zum Beispiel mit Chris Barfly, der nach zehn Jahren Konzertbetrieb im Brazil nun aufgeben muss.

Die Jazz-Nights im Brazil waren etwas Besonderes. Die Bar kennt Chris Barfly schon seit 1987, als er hier zum ersten Mal hinter dem Tresen stand. Mit seiner Konzertreihe Blue-Moon-Bar, bei der unter anderem Roger Cicero, Romy Camerun, Lutz Krajenski oder Deichkind gespielt haben, ist er schon in vielen Lokalen zu Gast gewesen. Im Interview erzählt er zunächst von den Jazz-Nights im Brazil.

 

Jakob: Was war das besondere an den Jazz-Nights im Brazil?

Chris Barfly: Die Jazz-Nights fanden zunächst am Montag statt, an dem ganz viele junge Menschen von der Hochschule für Künste zu mir kamen. Und Schritt für Schritt hat sich das dann auch zu nem Live-Club entwickelt. Ich war immer ein Freund der jungen Generation. Die haben sich bei mir wohl gefühlt. Die Bandbreite war bei mir musikalisch vom traditionellen Jazz bis hin zu völlig obskuren, modernen Geschichten. Und es gab auch Noise Konzerte. Schöner Krach. Und dann war es auch generationsübergreifend. Auch wenn die Jazz-Puristen da ein Gesicht ziehen. Musikalisch bewegt sich das wenn ich auflege immer zwischen den Blue-Note-Platten bis hin zu den neuen ACT oder ECM Geschichten. Ich versuche den Spagat zwischen 1950 und 2018 hinzukriegen.

Eine kleine Konzertreihe, wie die im Brazil, steht und fällt mit dem Engagement einzelner Personen. In diesem Fall mit dem von Chris Barfly als Veranstalter. Aber woher kommt eigentlich diese Verbundenheit mit einer Musik, die von vielen als Nischenmusik abgetan wird? Bei Chris gibt es eine ganz besondere Verbindung.

Jakob: Wie kommst du eigentlich zum Jazz?

Chris Barfly: Der Jazz hat mir geholfen eine exzessive Lebensphase zu überbrücken. Jazz war eigentlich meine Therapie. Musik kann Therapie sein. Und ich hatte so eine Aha-Erlebnis. Da bin ich nach der Schicht am nächsten Tag zum Plattenlanden gegangen. Und irgendwie bin ich wie ferngesteuert in die Jazz- Abteilung reingerutscht. Da habe ich die Plattencover durchgeguckt und bin bei dem Cover von The Last Great Concert von Chet Baker hängen geblieben. Richtig übles Cover. Chet Baker in der Endphase. So wie der aussah hab ich mich gefühlt. Dann hab ich reingehört und nach den ersten Takten war es um mich geschehen. Ich hab sofort innerlich angefangen zu flennen. Ab dem Punkt hat es mich gepackt, ich hab mich durch die ganzen Blue-Note Sachen gehört. Dann habe ich angefangen Jazz Konzerte zu organisieren. Und ich hab gemerkt, dass ich das nicht packe, mit meinem exzessiven Lebensstil. Also hab ich damit aufgehört, und der Jazz hat mich unterstützt.

Viele Jahre später, an einen warmen Sommerabend Ende Mai gibt es dann das letzte Konzert im Brazil. Chris Barfly hat ein Jahr lang über den Kauf des Brazils verhandelt. Am Ende bekommt der Blaue Fasan den Zuschlag. Eine Cocktailbar mit stolzen Preisen und ohne Live-Musik Programm. Das ganze erinnert an das Ende des Moments, welches einige Monate vorher schließen musste. Zum Abschied bringt Chris Barfly in einer letzten Session die Bremer Jazz-Szene noch einmal zusammen.

Jakob: Wie war der letzte Abend mit Live-Musik?

Chris Barfly: Bei mir war im Gegensatz zu anderen Sessions so ein bisschen der Stock aus dem Arsch. Alle waren gut drauf, die gesamte Jazz-Abteilung der HfK war da. Und so soll es sein. Die Jazzbar hat die Jazz- Szene in Bremen zusammengebracht, sie war wie eine art Kontaktbörse.

Trotz seiner Ambitionen das Bistro Brazil zu kaufen und die Jazz-Konzerte fortzuführen wird nun also ein wichtiger Ort der Bremer Jazz-Szene verschwinden. Denn wenn man sich die Lamenti über Jazz anhört und sich dann die Geschichte von einem Veranstalter wie Chris anschaut wird schnell klar, dass das eigentliche Problem die Rahmenbedingungen für Veranstalter*innen sind. Nach und nach verschwinden die kleinen Orte, die so wichtig sind für eine lokale Szene. Aber ein kleines Licht gibt es doch am Ende des Tunnels.

Jakob: Was sind denn deine Pläne für die Zukunft?

Chris Barfly: Also meine Pläne sind, dass es ab Juli jeden Donnerstag in der Elo Bar in der Neustadt wieder Jazz-Nights geben wird. Vielleicht wird es da auch kleine Konzerte geben.

 

 

Es wäre der Bremer Jazz-Szene zu wünschen.


 

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